• © Thierry Gschwind
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Zeit, Ort und andere Konstellationen

Turkali Architekten | Frankfurt am Main

Prof. Zvonko Turkali

Wofür steht der Freiburger Gestaltungsbeirat? Welche Werte und Haltungen vertritt er? In lockerer Folge stellen die Mitglieder sich und ihre Arbeit vor:

Zvonko Turkali hat Turkali Architekten 1988 in Frankfurt am Main gegründet. Das Büro hat zahlreiche Projekte für öffentliche und private Bauherren im gesamten Bundesgebiet realisiert. Neben Neubauten aus den Bereichen Wohnungs- und Bürobau sowie Bildung, Sport und Kultur gehören Umbaumaßnahmen und Ergänzungen historisch bedeutsamer Gebäude zu einem der Schwerpunkte. Viele Bauten des Büros haben Auszeichnungen und Preise erhalten.
Seit 1998 ist Herr Turkali Professor an der Leibniz Universität Hannover. Als Mitglied von Gestaltungs- und Städtebaubeiräten hat er zahlreiche Städte in Fragen des Städtebaus und der Architektur beraten, so in Frankfurt, Regensburg, Karlsruhe, Biberach und derzeit in Lübeck und Freiburg.

Der Bilbao-Defekt

Zvonko Turkali über Zeit, Ort und andere Konstellationen in Architektur und Städtebau

von Gisela Graf, Freiburg | gisela graf communications

Freiburger kennen den Namen Zvonko Turkali bereits als Mitglied des Gestaltungsbeirats. Nun hat sie interessiert, wer das wohl sein mag, der mit seinen Ratschlägen das Freiburger Stadtbild indirekt mit gestaltet. Neu war dem zahlreich erschienenen Publikum Turkalis betont städtebaulicher Ansatz: Der Frankfurter Architekt bekannte, dass ihm das Bild der Stadt in seiner Ganzheit am Herzen liege, denn wichtiger als die einzelne Architektur sei das Verhältnis der Gebäude untereinander.
Ebenso zentral sei, dass städtebauliche Entscheidungen langfristiger wirken als solche über einzeln stehende Architektur. Der Beschluss Frankfurts in den 1950er Jahren, die stadtbildprägenden Hochhäuser zu bauen, ist vielleicht am augenfälligsten. Weniger sichtbar sind infrastrukturelle Eingriffe wie etwa der Verlauf von Straßen oder Bahnschienen: Zum Frankfurter Hauptbahnhof führen heute noch die gleichen Strecken wie zur Bauzeit des Schienennetzes. Einer solchen Verantwortung sollte man sich bei Großprojekten wie Stuttgart 21 als Architekt bewusst sein, betonte Turkali. Die einzeln stehende Architektur dagegen könne unzählige Wandlungen durchmachen. Das berühmte Cliff House bei San Francisco zum Beispiel wechselte in 150 Jahren von der kleinen Poststation über das Schlösschen in Zuckerbäcker-Manier bis zum schlichten modernen Chalet fünfmal sein Aussehen und nahm jeden Stil an, der gerade en vogue war.
Was im Schnelldurchlauf am einzelnen Gebäude möglich ist, kann im Städtebau verhängnisvoll sein. Ein einzelnes Gebäude kann das ganze Stadtgefüge zerstören, wenn es nicht auf die bereits vorhandenen Beziehungen antwortet. Das Technische Rathaus in Frankfurt von 1972-1974, obwohl von hoher gestalterischer und konstruktiver Qualität, fügte sich nicht in die kleinteilige Umgebung der Frankfurter Altstadt und wurde als Fremdkörper wahrgenommen. Kürzlich wurde es abgerissen, um der Altstadt wieder Platz zu machen, die bis 2016 wieder aufgebaut werden soll. Soll das die Lösung sein? Es ist sicher keine Frage des Stils oder der Zeit: In Bremen fügt sich das "Haus der Bürgerschaft" (Architekt: Wassili Luckhardt) aus den 1960er Jahren mit seinem bewegten Dach und einer strengen Vertikalität selbstbewusst und doch sensibel in das historische Ensemble am Marktplatz ein. Doch auch die Proportionen alleine sind es nicht. Immerhin hat das Konzept „spektakulärer Bau eines Stararchitekten“ im Fall des Guggenheim Museums zur Aufwertung der Stadt Bilbao und zum Begriff „Bilbao-Effekt“ geführt. Dass das gutging und nicht zu einem Defekt wurde, war nach Turkali auch das Verdienst von Rafael Moneo und Alvaro Siza, die ihre Gebäude daneben in eine Beziehung zum Gehry-Bau brachten, indem sie die Blickachsen und Öffnungen dorthin ausrichteten.
Eigentlich hat das Alles viel mit Respekt zu tun – und vor allem damit, das Wesen eines Ortes zu verstehen und eine gestalterische Antwort darauf zu finden. An eigenen Projekten zeigte Turkali, wie sein Büro sich zurück nimmt, wenn es der Bestand verlangt: tatsächlich entzieht es sich sogar einer Einordnung oder einem typisch erkennbaren Stil. So betont er etwa die filigranen Stützen des eleganten Hauses der Evangelischen Kirche der 1950er Jahre in Wiesbaden, anstatt sie zu kaschieren oder Eigenes zu applizieren. Hier hat er das Wesen des Baus ebenso erhalten wie die kräftigen Farben und das sichtbare Holz im Innern des Biedermeier-Baus im Wiesbadener Staatgerichtshof Hessen.
Das wirft die Frage auf: Wie weit darf man gehen beim behutsamen Integrieren in den Bestand, ohne sich unterzuordnen? Wie selbstbewusst darf man umgekehrt markante Zeichen setzen, ohne sich aufzudrängen? Wie viel mutigen Akzent kann ein Stadtbild vertragen? Das sind Fragen, die der Gestaltungsbeirat diskutieren wird - im nächsten Jahr – und man darf auf die Positionen der anderen Mitglieder des Gestaltungsbeirats gespannt sein.

Prof. Zvonko Turkali, Turkali Architekten l Frankfurt a.M.

Wofür steht der Freiburger Gestaltungsbeirat? Welche Werte und Haltungen vertritt er? Das Architekturforum Freiburg e.V. lädt in lockerer Folge die Mitglieder dieses Gremiums dazu ein, sich und ihre Arbeit vorzustellen. Den Anfang hat mit seinem Vortrag Zvonko Turkali gemacht. Zvonko Turkali hat Turkali Architekten 1988 in Frankfurt am Main gegründet. Das Büro hat zahlreiche Projekte für öffentliche und private Bauherren im gesamten Bundesgebiet realisiert. Neben Neubauten aus den Bereichen Wohnungs- und Bürobau sowie Bildung, Sport und Kultur gehören Umbaumaßnahmen und Ergänzungen historisch bedeutsamer Gebäude zu einem der Schwerpunkte. Viele Bauten des Büros haben Auszeichnungen und Preise erhalten. Seit 1998 ist Herr Turkali Professor an der Leibniz Universität Hannover. Als Mitglied von Gestaltungs- und Städtebaubeiräten hat er zahlreiche Städte in Fragen des Städtebaus und der Architektur beraten, so in Frankfurt, Regensburg, Karlsruhe, Biberach und derzeit in Lübeck und Freiburg.

Turkali Architekten | Frankfurt am Main
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